Konservativ und reaktionär

Konservativ oder reaktionär: Unter der Kategorie „Betreutes Denken“ klärt Frau Krings die unbedarften Leser über die genuine Bösartigkeit der AfD auf: Die sei nicht konservativ, sondern „reaktionär“: https://rp-online.de/politik/deutschland/warum-sich-die-cdu-mit-der-abgrenzung-gegen-rechts-schwertut_aid-59105191

Das reizt mich zum Widerspruch:

Sehr geehrte Frau Krings,

ich habe zwar noch nie eine Antwort von Ihnen erhalten; trotzdem schreibe ich Ihnen heute erneut. Ich beziehe mich auf Ihren Artikel vom 11. Juni: Was konservativ ist –und was nicht. Manchen Ihrer Sätze kann man uneingeschränkt zustimmen, wenn Sie etwa schreiben: Konservativ, das verrät die lateinische Wurzel des Begriffs, ist eine Haltung des Erhaltens und Bewahrens. Der Konservative sieht sich als Teil einer Tradition und Ordnung, die er gutheißt und fortsetzen will. Er setzt auf Kontinuität statt auf Brüche, er will die Zukunft aus dem heraus entwickeln, was sich in der Vergangenheit als tauglich erwiesen hat.   Aber dann geht es (was sonst?)  wieder gegen die verhasste Opposition, nämlich die AfD.

Über die Attribuierung „konservativ“ in Bezug auf die AfD  schreiben Sie etwas flapsig: „ Dieser Vorstellung kann nur anhängen, wer sich das Personal der AfD nicht näher anguckt.“  Wie bitte? Hat die Rheinische Post etwa ihre Leser über unser „Personal“ informiert? Hat sich ihr Blatt  über unser „Personal“ in NRW überhaupt jemals  in den letzten Jahren informiert?

Das Ergebnis der Wahl vor einigen Wochen für die AfD-NRW-Landesliste zum nächsten  Bundestag  wurde mit keinem Sterbenswörtchen in Ihrer Zeitung  erwähnt. Waren die gewählten Kandidaten  vielleicht zu bürgerlich? An der Spitze mit Rüdiger Lucassen ein ehemaliger Bundeswehroffizier im Rang eines Oberst im Generalstab? Auf Platz Zwei der ehemalige Assekuranz-Manager und Leiter des Wirecard-Untersuchungsausschusses Kay Gottschalk? Weiter mit Martin Renner einer der Gründer  vom März 2013? Mit Prof. Harald Weyel, dem Sohn eines farbigen US-Soldaten?  Das sollte ruhig mal nebenbei erwähnt werden, schließlich wird uns alle Nase lang Rassismus unterstellt. – Allerdings: Als dann ein unterlegener und somit enttäuschter Kandidat mit der  üblichen Begleitmusik vom angeblichen „Rechtsruck“ mit Getöse seinen Parteiaustritt erklärte: Das war der RP dann plötzlich wieder eine Notiz wert.  Für diese Art des Umgangs mit unliebsamen Informationen gibt es einen neudeutschen Begriff: Cancel Culture. Apropos Kay Gottschalk: Seine Rolle als Vorsitzender im Bundestagsuntersuchungsausschuss zur Aufklärung des Wirecard-Skandals wurde  von der RP in nahezu allen Artikeln zu dem Thema peinlichst verschwiegen. Aber da sind Sie in guter, oder besser gesagt: schlechter Gesellschaft. Denn die Öffentlich-Rechtlichen handhabten es genauso.  

Die Beispiele lassen sich beliebig fortsetzen: Unsere Kommune hat über 90.000 Einwohner und seit 2015 einen AfD-Stadtverband. Gab es jemals eine Interviewanfrage seitens der Redaktion? Gar ein persönliches Porträt? Absolute Fehlanzeige. Als 2017 die Landtagsnovizen unter den frisch gewählten Abgeordneten unseres Kreises in der RP vorgestellt wurden hatte man den AfD-Mann schlichtweg „vergessen“.  Ich kann mich auch nicht erinnern, jemals in den letzten Jahren ein Interview mit irgendeinem unserer AfD-Landespolitiker in Ihrer Zeitung zu Gesicht bekommen zu haben. – Wo also, bitteschön, soll sich der wissbegierige Medienkonsument denn über die AfD und ihr „Personal“ informieren? Richtig: Es bleiben nur die sozialen Netzwerke.

Aber schauen wir uns doch mal das Etikett „Reaktionär“, das Sie der AfD anheften wollen, genauer an. Dem  Geschichtskundigen ist es geläufig als aggressiver Kampfbegriff der totalitären Systeme des Kommunismus und Nationalsozialismus. So war für die Ostberliner Machthaber zu SED-Zeiten die Opposition, der „Klassenfeind“,  reaktionär: „Den Sozialismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf“ so tönte Erich Honecker .  Und auch die  Nazis pflegten  „Reaktionäre“  als verhasstes Feindbild: „Kameraden, die Rotfront und die Reaktion erschossen“,   so lautete eine Zeile im Horst-Wessel-Lied,  der berüchtigten Hymne des „Dritten Reiches“.  Fazit: Man sollte sehr vorsichtig sein mit der Verwendung des vergifteten Begriffes „Reaktionär“.

Tatsächlich ist es eine Frage des individuellen Standpunktes. Wenn etwa die AfD nach wie vor von „Vater und Mutter“ spricht  und sich der amtlichen Begrifflichkeit  von „Eltern1 und Eltern2“ verweigert, dann mag das für linke Gesellschaftsveränderer  reaktionär sein, für AfD-Anhänger hingegen nichts weiter als die Bewahrung  eines natürlichen Sprachgebrauchs.  Gleiches  gilt für Genderspache: Vermeintlich Progressive bejubeln die linguistische Umerziehung mittels Gendersternchen,  den  anderen ist es ein Gräuel. Und beim Volk scheiden sich vollendes die Geister: „Zum Wohle des Deutschen Volkes“, so lautete jahrzehntelang der Schwur der NRW-Landesregierung.  Vergeblich beantragte die AfD im Parlament die Wiederzulassung des „Wohls des Deutschen Volkes“ in der Eidesformel.  Reaktionär? Apropos Klimawandel: Wo bleiben denn die skeptischen Stimmen jener  Wissenschaftler, welche die Rechenmodelle der Klimakatastrophenapokalyptiker einem Genauigkeitstest unterziehen und damit auf ihre Vorhersagewahrscheinlichkeit überprüfen? Nebenbei:  Natürlich muß sich der Mensch auf Klimaveränderungen einstellen und reagieren. Das wird von der AfD keineswegs, wie von Ihnen behauptet, in Abrede gestellt.

Nein, liebe RP, der Text reiht sich ein in eine ganze Reihe von Schriften, die nur eines zum Ziel haben: Die Verunglimpfung einer ungeliebten Opposition, die zeitgeistige Kapriolen kritisch hinterfragt. Mit „reaktionär“ hat das nicht das geringste zu tun. Diese Vokabel wurde vor schon Jahrzehnten  von Nazis und Kommunisten gleichermaßen missbraucht und gilt als verbrannt. Die Geschichte hat uns gelehrt: Gerade diejenigen, welche ihre Gegner als „Reaktionäre“ beschimpften, marschierten starrsinnig in die falsche Richtung bis in den Untergang. Das sollte uns eine Lehre sein.   

Nachtrag: Gestern übten Linksradikale in Berlin mal wieder Bürgerkrieg in der Rigaer Straße: Brennende Barrikaden, Wurfgeschosse, Knüppel. Sechzig verletzte Polizisten. Für die RP nicht erwähnenswert; kein Sterbenswörtchen. Denn die Gefahr kommt ja von rechts. Es kann nicht sein, was nicht sein darf.

   Mit freundlichen Grüßen  Bernd Ulrich 

Reaktionär

Autor: hansberndulrich

born 1950, university degree in mathematics, physics. Interested in all topics of natural science, history, politics and economics

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