Achtundsechziger: Legendenbildung

Am Karsamstag schrieb  RP-Chefredakteur Michael  Bröcker an seine Leser:

…. 50 Jahre danach – für die einen sind die „68er“ wegweisende Revolutionäre und Vorkämpfer für eine liberale Gesellschaft gewesen, andere halten die Wirkmacht der Bewegung schlicht für überschätzt. Dass die „68er“ das Land veränderten, bestreitet indes heute kaum ein Gelehrter. Auch wenn ich erst neun Jahre später geboren wurde, fasziniert mich rückblickend der Kampf gegen autoritäre Strukturen und die Verharmlosung und Vertuschung der Nazi-Taten. ….

Das veranlasste mich zu folgender Klarstellung:

Sehr geehrter Herr Bröcker,

ich beziehe mich auf Ihre karsamstägliche Botschaft an Ihre Leser. Dort schreiben Sie in Bezug auf die 68-er:

Auch wenn ich erst neun Jahre später geboren wurde, fasziniert mich rückblickend der Kampf gegen autoritäre Strukturen und die Verharmlosung und Vertuschung der Nazi-Taten.

Abgesehen von der unbeabsichtigten Doppeldeutigkeit Ihrer Formulierung muß ich der implizierten Behauptung entschieden widersprechen. Denn es ist keinesfalls so, daß die „Nazi-Taten“ vor 1968 verharmlost oder gar vertuscht wurden. Das Gegenteil ist richtig. Ich weiß es besser, denn mit Geburtsjahr 1950 und Abitur 1968 habe ich diese Zeit ganz bewusst erlebt.  Hier die Fakten:

– Die Gefangennahme und Entführung von Adolf Eichmann in Argentinien im Jahre 1960 sowie der nachfolgende Prozess in Jerusalem wurden hierzulande mit einem außerordentlich großen Medien- und Publikumsinteresse tagtäglich über Monate hinweg  verfolgt. Ich erinnere mich noch sehr gut an die Bilder von dem kleinen Mann in dem Glaskasten im Jerusalemer Gerichtssaal. Natürlich wurden auch die Verbrechen, besonders die abscheulichen medizinischen Versuche eines Josef Mengele an lebenden Opfern  thematisiert, nach dem damals immer noch gefahndet wurde.

– Noch größeres Interesse fand der Auschwitzprozess ab 1963.  Die Namen der KZ-Schergen Wilhelm Boger (Bogerschaukel) und Oswald Kaduk (Meine Patienten nannten mich Papa Kaduk) waren jeden Deutschen, der eine Zeitung las, ebenso geläufig ebenso wie die grauenhaften Verbrechen, über die ausführlich nahezu täglich berichtet wurde.

– Natürlich war die Beschäftigung mit den NS-Verbrechen auch Thema unseres Gymnasialunterrichtes. Die „Todesfuge“ von Paul Celan stand ebenso auf dem Lehrplan wie die „Ermittlungen“ von Peter Weiss, der den Auschwitzprozess literarisch als Bühnenstück verarbeitet hatte.

Die NS-Vergangenheit von Persönlichkeiten der Adenauerzeit wurde lange vor 1968 insbesondere von „Spiegel“ thematisiert. Beispielhaft sind zu nennen der Staatssekretär Hans Globke oder auch Heinrich Lübke, der angeblich als KZ-Baumeister tätig gewesen sein soll. Wie wir allerdings  heute wissen, hatte die Stasi bei diesen Kampagnen einen wesentlichen Anteil.

Die genannten Beispiele sind nicht längst nicht vollständig. Der Narrativ, erst die 68-er hätten eine intensive gesellschaftliche Diskussion und Aufarbeitung der NS-Verbrechen bewirkt, ist nichts weiter als eine Legende, die auch durch ständige Wiederholung nichts an Wahrheitsgehalt hinzugewinnt.

Eines allerdings haben die 68-er bewirkt: Die Verunglimpfung der gesamten eigenen Eltern- und Großelterngeneration als kollektive NS-Mitwisser und Nazitäter. Diese an sich ungeheuerliche Anschuldigung diente den damaligen Krawallschlägern der eigenen moralischen Selbsterhöhung.  Leider wirkt diese üble Nachrede bis heute nach und bestimmt immer noch in weiten Teilen den politischen Diskurs.

Mit freundlichen Grüßen

Bernd Ulrich

PS.: Sollte Michael Bröcker antworten oder meine Zuschrift gar als Leserbrief in der RP veröffentlicht werden, dann werde ich es hier mitteilen.

Autor: hansberndulrich

born 1950, university degree in mathematics, physics. Interested in all topics of natural science, history, politics and economics

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